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Kunstforum: Genies und Stümper


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Forum > Künstler > Genies und Stümper
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 Autor
 Thema: Genies und Stümper
Arne
Mitglied

169 Forenbeiträge
seit dem 13.11.2002

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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 24.06.2006 um 11:05 Uhr

In Goethes "Wilhelm Meister" findet sich folgende bedenkenswerte Stelle, in welcher es um die Frage geht, wer denn überhaupt Kunst betreiben solle. Dieses Zitat möchte ich hiermit zur Diskussion stellen:

Zitat:

„Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren soll; weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der Kunst enthalten und sich vor jeder Verführung dazu ernstlich in Acht nehmen sollte. Denn freilich regt sich in jedem Menschen ein gewisses unbestimmtes Verlangen, dasjenige, was er sieht, nachzuahmen; aber dieses Verlangen beweist gar nicht, dass auch die Kraft in uns wohne, mit dem, was wir unternehmen, zustande zu kommen. Sieh nur die Knaben an, wie sie jedes Mal, so oft Seiltänzer in der Stadt gewesen, auf allen Planken und Balken hin und wider gehen und balancieren, bis ein anderer Reiz sie wieder zu einem ähnlichen Spiele hinzieht. Hast du es nicht in dem Zirkel unsrer Freunde bemerkt? So oft sich ein Virtuose hören lässt, finden sich immer einige, die sogleich dasselbe Instrument zu lernen anfangen. Wie viele irren auf diesem Wege herum! Glücklich, wer den Fehlschluss von seinen Wünschen auf seine Kräfte bald gewahr wird!


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maler-hans
Mitglied

291 Forenbeiträge
seit dem 12.05.2006

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1 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 28.06.2006 um 00:29 Uhr

Den letzten Satz kann man natürlich glatt stehen lassen. Im Übrigen ist sogar Goethe erstens ein Kind seiner Zeit; und zweitens ist er ja nicht unbedingt durch Bescheidenheit und Demut aufgefallen: er war ganz schön arrogant.

Außerdem habe ich heftige Vorbehalte vor jeder strikten Kategorisierung und ebenso vor den ganz großen wie vor vernichtenden Worten. Die Genies sind äußerst dünn gesät und Charakterisierungen der oben angeführten negativen Art lassen mehr auf den schließen, der sich verteilt (was sich nicht gegen Arne richtet, eher gegen Herrn Goethe).

Mir gefällt auch längst nicht alles, was ausgestellt wird, aber jemandem den o.a. Titel zu verpassen, würde ich mich doch sehr, sehr scheuen.


Gruß von Maler Hans (www.atelier-lasslob.de)
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soeffker
Mitglied

9 Forenbeiträge
seit dem 15.11.2004

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2 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 27.12.2006 um 20:31 Uhr

Brauche mit nur Goethes Farbkreis/Farbtheorie anzusehen, damit ist für mich das Thema Goethe eigentlich schon abgeschlossen...

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florchle
Mitglied

38 Forenbeiträge
seit dem 23.12.2006

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3 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 28.12.2006 um 20:56 Uhr

Goethe ist eben genau einer von denen aus dem 18. Jahrhundert, der dem Genie-Kult verfallen ist. Ich habe soeben in einem anderen Treat auf xarto dafür argumentiert, dass diese Sichtweise völlig veraltet sei, und dass heute eher die Ansicht - der ich mich übrigens anschliesse - herrsche, dass im Prinzip jeder ein Künstler sei.

vergleiche:
http://www.xarto.com/forum/beitrag.php?board=kunst_forum&thr ead=444&springzu=2#18

Grüsse
Daniel

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maler-hans
Mitglied

291 Forenbeiträge
seit dem 12.05.2006

Das ist maler-hans

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4 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 28.12.2006 um 23:27 Uhr

Das, lieber Daniel, geht mir schon wieder zu weit: nicht jeder kann Künstler sein, so wenig wie jeder Musiker, Hochleistungssportler, Wissenschaftler, Schreiner ... sein kann. Zum Gllück gibt´s Unterschiede, die man nur eben nicht hierarchisieren sollte.


Gruß von Maler Hans (www.atelier-lasslob.de)
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florchle
Mitglied

38 Forenbeiträge
seit dem 23.12.2006

Das ist florchle

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5 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 29.12.2006 um 19:19 Uhr

Zitat:

Doch Hans, jeder kan Musiker, Sportler, Schreiner, Wissenschaftler usw. sein. Fragt sich nur, wie herausragend oder wie mäßig er in seinem Job ist. Und das gilt auch für Künstler.

Da bin ich mit Mezzo4te sehr einverstanden. Klar, Hans, Du hast recht, es kommt wie immer auf die Gene an und dann zusätzlich auch noch darauf, was man daraus macht. Aber der Einfluss der Gene wird meines Erachtens im Allgemeinen total überschätzt. Er beschränkt sich - glaube ich - auf Fälle wie: Blinde können keine Scharfschützen werden. Oder: Geistig behinderte können keine Wissenschaftler werden. etc. (ich muss sagen, dass mir die Beispiele nicht eben leicht zur Hand waren. Und ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob geistig Behinderte keine Wissenschaftler werden können, und ob Blinde keine Scharfschützen werden können...)

Auf jeden Fall vertrete ich die klare Gegenthese: Jeder normalbegabte, nicht-behinderte junge Mensch hat das Zeug zum Musiker, zum Sportler, zum Schreiner und zum Wissenschaftler und: nota bene, zum Künstler.

Anmerkung 1:
Damit will ich nicht ausschliessen, dass in gewissen Fällen auch minderbegabte oder behinderte Menschen das Zeug zu diesen Berufen haben.

Anmerkung 2:
Ob ein junger Mensch nun einen dieser Berufe ergreift, hängt viel mehr vom sozialen Umfeld, von den gesellschaftlichen Möglichkeiten, von Fleiss und Motivation und dergleichen ab. Dies belegen ja auch quanitative, soziographische Studien.

Hey, ich find´s toll, mit Euch zu diskutieren!
Liebe Grüsse
Daniel

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maler-hans
Mitglied

291 Forenbeiträge
seit dem 12.05.2006

Das ist maler-hans

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6 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 30.12.2006 um 00:48 Uhr

Tja, Mezzo und Daniel, natürlich kann jeder jeden Beruf ergreifen oder es zumindest versuchen. Im Prinzip. Aber realiter besteht mancher Lehrling die Prüfung nicht, etliche Studenten brechen vor dem Examen ab, angebliche Künstler heißen Beuys etc, etc.

Und das alles hängt auch, aber nicht nur vom "sozialen Umfeld" ab, das seit 1968 immer wieder an der falschen Stelle erwähnt und überbewertet wird (ebenso wie einst die "ererbte" Fähigkeit überschätzt wurde). Es gibt Gauner aus stabilen Bürgerfamilien und honorige Menschen mit ... schwierigen Eltern.

Worauf ich mal wieder hinaus will: Weg von Verallgemeinerungen und den Blick frei halten für die unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten, Aus- und Einwirkungen, Effekten, Widersprüchen und Zusammenhängen. Vielleicht zeichnet ja auch so etwas den Künstler aus: der freie, "naive" Blick auf das, was er vorfindet.


Gruß von Maler Hans (www.atelier-lasslob.de)
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florchle
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38 Forenbeiträge
seit dem 23.12.2006

Das ist florchle

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7 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 30.12.2006 um 16:02 Uhr

Zitat:

Worauf ich mal wieder hinaus will: Weg von Verallgemeinerungen und den Blick frei halten für die unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten, Aus- und Einwirkungen, Effekten, Widersprüchen und Zusammenhängen. Vielleicht zeichnet ja auch so etwas den Künstler aus: der freie, "naive" Blick auf das, was er vorfindet.

Ja, eben: die Welt ist komplex. Aber die Welt ist ja bekanntlich nicht, wie sie ist, sondern wie wir sie machen. Und wenn wir "die unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten, Aus- und Einwirkungen, Effekten, Widersprüchen und Zusammenhängen" zulassen, dann verlieren wir vor lauter Zusammenhängen die Realität. Unser Weltbild wird dann duselig und trüb. Und am Schluss sehen wir gar nichts mehr.

Ich glaube, da ist das Denken wie das künstlerische Schaffen: Wenn ich einfach alle Farben in allen Formen durcheinander auf die Leinwand male, so ist am Schluss weder eine Farbe noch eine Form erkennbar.

Das zeichnet den Künstler aus: bestimmend, ordnend Form geben, indem er das eine herausarbeitet und das andere weglässt, den Mut aufbringt, sich davon zu trennen. Das ist der Akt des Kreativ-Seins.

Und genau so zeichnet das den Denker aus: ordnend Form geben, indem er Thesen und Theorien herausarbeitet, die sich mit Argumenten stützen lassen, und alten Glauben fallen lässt und den Mut aufbringt, sich davon zu trennen.

Was meint Ihr?
Liebe Grüsse
Daniel

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Fluuu
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Das ist Fluuu

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8 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 30.12.2006 um 19:35 Uhr

Hallo florchle,

Du formulierst gute und interessante Ansichten, ist spannend zu lesen. Auch ich bin der Meinung jeder Mensch kann Künstler sein, nur viele möchten nicht, sie möchten lieber etwas anderes machen. Auch gut.
Für mich ist Künstler sein nicht ein Beruf wie bei einem Handwerker der etwas herstellen kann was dann verkauft wird und er so seine Familie materiell versorgt, sondern eine Lebensphilosophie, eine Lebenseinstellung, eine Daseinsform auf der Welt, ähnlich wie Mensch sein.
Auch das sind wir alle aber nicht jeder beherscht das Menschsein wirklich bis zur Erfüllung, viele haben große Probleme damit und brauchen Hilfe und Unterstützung von "Krücken" der unterschiedlichsten Art. Letztlich ist jede Form des Daseins auf der Erde eine Frage der kollektiven Kommunikation und da haben sogar Goethezitate einen gewissen positiven Beitrag zu leisten in der modernen Zeit des Geschehens, um auf das Anfangsposting von Arne zu kommen. Ich würde sagen, glücklich wer nicht nur nachahmt, sondern eine kreative Fähigkeit gefunden hat, die er aus seinem Selbst hat entwickeln können und es so anderen vormacht...

gruß fluuu


http://www.fluuu-bilder.de | künstlerische Fotografie
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Fluuu
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725 Forenbeiträge
seit dem 18.10.2003

Das ist Fluuu

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9 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 30.12.2006 um 20:33 Uhr

Diese Nachricht wurde von Fluuu um 20:34:49 am 30.12.2006 editiert

Hallo mezzo4te,

bin so überrascht von Deinen milden Worten, dass ich nicht umhinkomme eine Ironie zu vermuten, bin ich doch auch ein Freund der selbigen aber des Friedens Wille nehme ich Deine Worte 1:1 wie sie dort stehen und bedanke mich für Deine zustimmende Äußerung.

gruß fluuu


http://www.fluuu-bilder.de | künstlerische Fotografie
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