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Kunstforum: Genies und Stümper


Aktuelle Zeit: 03.09.2026 - 06:45:17
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Forum > Künstler > Genies und Stümper
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Autor
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Thema: Genies und Stümper
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Arne
Mitglied
  169 Forenbeiträge seit dem 13.11.2002

Geschlecht:
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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 24.06.2006 um 11:05 Uhr |
In Goethes "Wilhelm Meister" findet sich folgende
bedenkenswerte Stelle, in welcher es um die Frage geht, wer
denn überhaupt Kunst betreiben solle. Dieses Zitat möchte
ich hiermit zur Diskussion stellen:
Zitat:
„Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht
existieren soll; weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich
der Kunst enthalten und sich vor jeder Verführung dazu
ernstlich in Acht nehmen sollte. Denn freilich regt sich in jedem Menschen ein gewisses
unbestimmtes Verlangen, dasjenige, was er sieht,
nachzuahmen; aber dieses Verlangen beweist gar nicht, dass
auch die Kraft in uns wohne, mit dem, was wir unternehmen,
zustande zu kommen. Sieh nur die Knaben an, wie sie jedes
Mal, so oft Seiltänzer in der Stadt gewesen, auf allen
Planken und Balken hin und wider gehen und balancieren, bis
ein anderer Reiz sie wieder zu einem ähnlichen Spiele
hinzieht. Hast du es nicht in dem Zirkel unsrer Freunde
bemerkt? So oft sich ein Virtuose hören lässt, finden sich
immer einige, die sogleich dasselbe Instrument zu lernen
anfangen. Wie viele irren auf diesem Wege herum! Glücklich, wer den
Fehlschluss von seinen Wünschen auf seine Kräfte bald gewahr
wird!“
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maler-hans
Mitglied
   291 Forenbeiträge seit dem 12.05.2006

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| 1 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 28.06.2006 um 00:29 Uhr |
Den letzten Satz kann man natürlich glatt stehen lassen. Im
Übrigen ist sogar Goethe erstens ein Kind seiner Zeit; und
zweitens ist er ja nicht unbedingt durch Bescheidenheit und
Demut aufgefallen: er war ganz schön arrogant.
Außerdem habe ich heftige Vorbehalte vor jeder strikten
Kategorisierung und ebenso vor den ganz großen wie vor
vernichtenden Worten. Die Genies sind äußerst dünn gesät und
Charakterisierungen der oben angeführten negativen Art
lassen mehr auf den schließen, der sich verteilt (was sich
nicht gegen Arne richtet, eher gegen Herrn Goethe).
Mir gefällt auch längst nicht alles, was ausgestellt wird,
aber jemandem den o.a. Titel zu verpassen, würde ich mich
doch sehr, sehr scheuen.
Gruß von Maler Hans (www.atelier-lasslob.de)
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soeffker
Mitglied
 9 Forenbeiträge seit dem 15.11.2004

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| 2 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 27.12.2006 um 20:31 Uhr |
Brauche mit nur Goethes Farbkreis/Farbtheorie anzusehen,
damit ist für mich das Thema Goethe eigentlich schon
abgeschlossen...
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florchle
Mitglied
 38 Forenbeiträge seit dem 23.12.2006

Geschlecht:
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| 3 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 28.12.2006 um 20:56 Uhr |
Goethe ist eben genau einer von denen aus dem 18.
Jahrhundert, der dem Genie-Kult verfallen ist. Ich habe
soeben in einem anderen Treat auf xarto dafür argumentiert,
dass diese Sichtweise völlig veraltet sei, und dass heute
eher die Ansicht - der ich mich übrigens anschliesse -
herrsche, dass im Prinzip jeder ein Künstler sei.
vergleiche:
http://www.xarto.com/forum/beitrag.php?board=kunst_forum&thr
ead=444&springzu=2#18
Grüsse
Daniel
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maler-hans
Mitglied
   291 Forenbeiträge seit dem 12.05.2006

Geschlecht:
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| 4 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 28.12.2006 um 23:27 Uhr |
Das, lieber Daniel, geht mir schon wieder zu weit: nicht
jeder kann Künstler sein, so wenig wie jeder Musiker,
Hochleistungssportler, Wissenschaftler, Schreiner ... sein
kann. Zum Gllück gibt´s Unterschiede, die man nur eben
nicht hierarchisieren sollte.
Gruß von Maler Hans (www.atelier-lasslob.de)
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florchle
Mitglied
 38 Forenbeiträge seit dem 23.12.2006

Geschlecht:
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| 5 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 29.12.2006 um 19:19 Uhr |
Zitat:
Doch Hans, jeder kan Musiker, Sportler, Schreiner,
Wissenschaftler usw. sein. Fragt sich nur, wie herausragend
oder wie mäßig er in seinem Job ist. Und das gilt auch für
Künstler.
Da bin ich mit Mezzo4te sehr einverstanden. Klar, Hans, Du
hast recht, es kommt wie immer auf die Gene an und dann
zusätzlich auch noch darauf, was man daraus macht. Aber der
Einfluss der Gene wird meines Erachtens im Allgemeinen total
überschätzt. Er beschränkt sich - glaube ich - auf Fälle
wie: Blinde können keine Scharfschützen werden. Oder:
Geistig behinderte können keine Wissenschaftler werden. etc.
(ich muss sagen, dass mir die Beispiele nicht eben leicht
zur Hand waren. Und ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob
geistig Behinderte keine Wissenschaftler werden können, und
ob Blinde keine Scharfschützen werden können...)
Auf jeden Fall vertrete ich die klare Gegenthese: Jeder normalbegabte, nicht-behinderte junge Mensch hat das
Zeug zum Musiker, zum Sportler, zum Schreiner und zum
Wissenschaftler und: nota bene, zum Künstler.
Anmerkung 1:
Damit will ich nicht ausschliessen, dass in gewissen Fällen
auch minderbegabte oder behinderte Menschen das Zeug zu
diesen Berufen haben.
Anmerkung 2:
Ob ein junger Mensch nun einen dieser Berufe ergreift, hängt
viel mehr vom sozialen Umfeld, von den gesellschaftlichen
Möglichkeiten, von Fleiss und Motivation und dergleichen ab.
Dies belegen ja auch quanitative, soziographische Studien.
Hey, ich find´s toll, mit Euch zu diskutieren!
Liebe Grüsse
Daniel
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maler-hans
Mitglied
   291 Forenbeiträge seit dem 12.05.2006

Geschlecht:
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| 6 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 30.12.2006 um 00:48 Uhr |
Tja, Mezzo und Daniel, natürlich kann jeder jeden Beruf
ergreifen oder es zumindest versuchen. Im Prinzip. Aber
realiter besteht mancher Lehrling die Prüfung nicht, etliche
Studenten brechen vor dem Examen ab, angebliche Künstler
heißen Beuys etc, etc.
Und das alles hängt auch, aber nicht nur vom "sozialen
Umfeld" ab, das seit 1968 immer wieder an der falschen
Stelle erwähnt und überbewertet wird (ebenso wie einst die
"ererbte" Fähigkeit überschätzt wurde). Es gibt
Gauner aus stabilen Bürgerfamilien und honorige Menschen mit
... schwierigen Eltern.
Worauf ich mal wieder hinaus will: Weg von
Verallgemeinerungen und den Blick frei halten für die
unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten, Aus- und
Einwirkungen, Effekten, Widersprüchen und Zusammenhängen.
Vielleicht zeichnet ja auch so etwas den Künstler aus: der
freie, "naive" Blick auf das, was er vorfindet.
Gruß von Maler Hans (www.atelier-lasslob.de)
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florchle
Mitglied
 38 Forenbeiträge seit dem 23.12.2006

Geschlecht:
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| 7 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 30.12.2006 um 16:02 Uhr |
Zitat:
Worauf ich mal wieder hinaus will: Weg von
Verallgemeinerungen und den Blick frei halten für die
unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten, Aus- und
Einwirkungen, Effekten, Widersprüchen und Zusammenhängen.
Vielleicht zeichnet ja auch so etwas den Künstler aus: der
freie, "naive" Blick auf das, was er vorfindet.
Ja, eben: die Welt ist komplex. Aber die Welt ist ja
bekanntlich nicht, wie sie ist, sondern wie wir sie machen.
Und wenn wir "die unglaubliche Vielfalt an
Möglichkeiten, Aus- und Einwirkungen, Effekten,
Widersprüchen und Zusammenhängen" zulassen, dann
verlieren wir vor lauter Zusammenhängen die Realität. Unser
Weltbild wird dann duselig und trüb. Und am Schluss sehen
wir gar nichts mehr.
Ich glaube, da ist das Denken wie das künstlerische
Schaffen: Wenn ich einfach alle Farben in allen Formen
durcheinander auf die Leinwand male, so ist am Schluss weder
eine Farbe noch eine Form erkennbar.
Das zeichnet den Künstler aus: bestimmend, ordnend Form
geben, indem er das eine herausarbeitet und das andere
weglässt, den Mut aufbringt, sich davon zu trennen. Das ist
der Akt des Kreativ-Seins.
Und genau so zeichnet das den Denker aus: ordnend Form
geben, indem er Thesen und Theorien herausarbeitet, die sich
mit Argumenten stützen lassen, und alten Glauben fallen
lässt und den Mut aufbringt, sich davon zu trennen.
Was meint Ihr?
Liebe Grüsse
Daniel
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Fluuu
Mitglied
    725 Forenbeiträge seit dem 18.10.2003

Geschlecht:
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| 8 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 30.12.2006 um 19:35 Uhr |
Hallo florchle,
Du formulierst gute und interessante Ansichten, ist spannend
zu lesen. Auch ich bin der Meinung jeder Mensch kann
Künstler sein, nur viele möchten nicht, sie möchten lieber
etwas anderes machen. Auch gut.
Für mich ist Künstler sein nicht ein Beruf wie bei einem
Handwerker der etwas herstellen kann was dann verkauft wird
und er so seine Familie materiell versorgt, sondern eine
Lebensphilosophie, eine Lebenseinstellung, eine Daseinsform
auf der Welt, ähnlich wie Mensch sein.
Auch das sind wir alle aber nicht jeder beherscht das
Menschsein wirklich bis zur Erfüllung, viele haben große
Probleme damit und brauchen Hilfe und Unterstützung von
"Krücken" der unterschiedlichsten Art. Letztlich
ist jede Form des Daseins auf der Erde eine Frage der
kollektiven Kommunikation und da haben sogar Goethezitate
einen gewissen positiven Beitrag zu leisten in der modernen
Zeit des Geschehens, um auf das Anfangsposting von Arne zu
kommen. Ich würde sagen, glücklich wer nicht nur nachahmt,
sondern eine kreative Fähigkeit gefunden hat, die er aus
seinem Selbst hat entwickeln können und es so anderen
vormacht...
gruß fluuu
http://www.fluuu-bilder.de | künstlerische Fotografie
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Fluuu
Mitglied
    725 Forenbeiträge seit dem 18.10.2003

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| 9 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 30.12.2006 um 20:33 Uhr |
Diese Nachricht wurde von Fluuu um 20:34:49 am 30.12.2006
editiert
Hallo mezzo4te,
bin so überrascht von Deinen milden Worten, dass ich nicht
umhinkomme eine Ironie zu vermuten, bin ich doch auch ein
Freund der selbigen aber des Friedens Wille nehme ich Deine
Worte 1:1 wie sie dort stehen und bedanke mich für Deine
zustimmende Äußerung.
gruß fluuu
http://www.fluuu-bilder.de | künstlerische Fotografie
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