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Kunstforum: Über die Fotografie


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Forum > Fotografie > Über die Fotografie
Seite: 1
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 Autor
 Thema: Über die Fotografie
Arne
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 06.11.2004 um 19:02 Uhr

"Mit der Erfindung der Fotografie, also mit dem Einsetzen dieses Verdummungsprozesses vor weit über hundert Jahren, geht es mit dem Geisteszustand der Weltbevölkerung fortwährend bergab. Die fotografischen Bilder, habe ich zu Gambetti gesagt, haben diesen weltweiten Verdummungsprozess in Gang gebracht und er hat diese tatsächlich für die Menschheit tödliche Geschwindigkeit in dem Augenblick erreicht, in welchem diese fotografischen Bilder beweglich geworden sind. Stumpfsinnig betrachtet die Menschheit heute und seit Jahrzehnten nichts anderes mehr, als diese tödlichen fotografischen Bilder und ist wie gelähmt davon. [...] es wird gut sein, wenn wir uns noch gerade bevor dieser Verdummungsprozess der Welt total eingetreten ist, umbringen."

Thomas Bernhard in "Auslöschung"

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suppenklar
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1 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 06.11.2004 um 21:20 Uhr

ziemlich provokante aussage !
ich denke, sie beinhaltet schon wahrheiten, die aber auch gegenpositionen zulassen muss. die fotografie in ihren "schnell gemachten" bilder ist auch die chance, dem betrachter einen augenblick näher zu bringen, der sonst unwiderruflich verloren wäre. man kann durch die augen eines anderen sehen - wann kann man das schon ? wie sieht mein gegenüber die welt ? was berührt und beschäftigt ihn ? die fotografie gibt uns die mittel dazu - klarer, als es die malerei zum beispiel sonst könnte...
daniela

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Arne
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169 Forenbeiträge
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2 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 06.11.2004 um 23:14 Uhr

Natürlich ist die Aussage eine ziemliche Provokation - ich liebe Provokationen, wenn dahinter, wie in diesem Fall, genug Geist steckt. Thomas Bernhard geht auf das Fotografieren in seinem Buch Auslöschung noch wesentlich genauer ein, vor allem bemängelt er an ihr die Verzerrung der Wirklichkeit, weil sie immer nur einen winzigen Augenblick aus ihr herausreisst - gerade, wenn es um Personenfotos geht.

Aussagen, wie die von mir zitierte, werden der Fotografie keinen Todesstoss geben, das liegt auch nicht in ihrer Absicht, aber sie werden einen dazu veranlassen, über die Fotografie zu reflektieren. Besonders beachtlich finde ich eigentlich die Bemerkung über die Lähmung der Menschen, die von Fotografien und Bewegtbildern ausgeht. Wahrscheinlich wird sich die Menschheit nicht mehr davon befreien können, obwohl diese Lähmung vollkommen überflüssig ist und die Menschen tatsächlich an einem geistigen Vorwährtskommen hindert.

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Fluuu
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725 Forenbeiträge
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3 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 08.11.2004 um 18:45 Uhr

Hallo,

das ist ein tolles Thema, erstens weil ich selber leidenschaftlich gern fotografiere (Du ja auch Arne, deshalb ist Dir wohl dieses Zitat aufgefallen) und zweitens weil es von Thomas Bernhard ist, ein von mir geschätzter großer Theatermacher und Literat der Gegenwart in Österreich.
Diese Form des knallharten aufs Korn nehmens einer Sache, in diesem Fall die Fotografie im weitesten Sinne, ist für meinen Geschmack die echte Realität. Unter bewegte Bilder verstehe ich ja auch das Fernsehen und das kann ja wirklich den Geisteszustand enorm beeinflußen. So betrachtet muß man logischer Weise den Entstehungsmoment der Fotografie verfluchen aber das hindert mich in keinste Weise daran, das Fotografieren mit Leidenschaft und Hingabe zu einer bestimmten Aussage hin, zu betreiben. Sicher hat durch die Erfindung der Fotografie eine Form der Verdummung der Menschheit eingesetzt aber was verdummt nicht wenn man es falsch verwendet?
"...es wird gut sein, wenn wir uns noch gerade bevor dieser Verdummungsprozess der Welt total eingetreten ist, umbringen."
Ist es nicht ein herrlicher Satz, ich verstehe ihn ironisch.
Die größte Dummheit, die ein Mensch begehen könnte, ist doch die, sich selber umzubringen, sich selbst des Lebens zu berauben, das kostbarste Gut der Natur.
Was sind dagegen ein paar Fotos und bewegte Bilder, sie bewirken den Verdummungsproßes, welch kleinlicher Vorgang gegenüber der Natur und welch große Tragödie unserer Zeit.
So in etwa verstehe ich Thomas Bernhards Aussage.

gruß fluuu


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Arne
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4 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 08.11.2004 um 21:08 Uhr

Die Werke von Thomas Bernhard sind für mich noch eine recht junge Entdeckung - zu viel von ihm kann ich nicht auf einmal lesen, weil die Gedanken, die seine Werke hervorrufen, länger brauchen, um verarbeitet zu werden und das Leserlebnis an sich ein sehr heftiges ist.

Wenn man es relativiert betrachtet, dann starren wir heute in unsere Fernseher und Monitore, wie man früher vielleicht in das Feuer und die Sterne gestarrt hat. Vom Prinzip her ist das keine wirkliche Veränderung, wenn es nicht doch für den Menschen eine immer größer werdende Entfernung von der Natur bedeuten würde.

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suppenklar
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5 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 08.11.2004 um 23:50 Uhr

ich denke, dass gerade auch die fotografie in einer zeit der schnellebigkeit uns die möglichkeit gestattet, genauer hinzusehen, auf kleine details und augenblicke aufmerksam zu machen ! vielleicht ist die provokation thomas bernards für uns ein ansporn, die welt für einen moment anzuhalten, tief luft zu holen und dinge auf uns, in ihrer form und stille, einzuatmen und für einen moment festzuhalten. viel zu schnell rast das leben an uns vorbei !
daniela

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Arne
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169 Forenbeiträge
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6 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 09.11.2004 um 00:35 Uhr

Zitat:

ich denke, dass gerade auch die fotografie in einer zeit der schnellebigkeit uns die möglichkeit gestattet, genauer hinzusehen, auf kleine details und augenblicke aufmerksam zu machen !

Ja, aber wir schauen dabei ja nicht auf die Wirklichkeit, sondern nur eine Verzerrung von ihr. Und das ist hier wohl die allgemeine Tendenz, die Bernhard anprangern möchte (wenn man jetzt einmal unterschlägt, dass das Zitat ja nur von einer Figur aus seinem Roman stammt) :

Wir stürzen uns immer tiefer in die Künstlichkeit (ist dafür nicht ein Forum wie dieses eines der besten Beispiele?), weil wir ja gar nicht ertragen, das Leben so zu sehen, wie es ist; wir ergötzen uns lieber an unseren Verfremdungen der Natur, wir flüchten die Wirklichkeit. Wer hat sie nicht, seine Illusionen, seine kleinen und großen Lebenslügen, die sich, bei Licht besehen, in nichts auflösen, aber trotzdem glauben wir daran, weil wir gelernt haben, dass wir mit unserem Selbstbetrug auch noch am besten fahren. Das ist die Absurdität des menschlichen Wesens. Und wer dagegen aufbegehrt, vielleicht gar als einer der zahllosen moralisch durchtränkten Heilsverkünder, der hat noch nicht gemerkt, dass er selbst um nichts besser ist als diese, gegen die er vorgehen möchte. Wir alle sind Gefangene unserer Existenz - befreit werden wir erst durch den Tod.

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Fluuu
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725 Forenbeiträge
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7 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 10.11.2004 um 16:17 Uhr

Künstlichkeit und Natur,
besteht unsere heutige Natur nicht auch aus Neonlicht, Mikrochips, aus Bits und Bytes usw. Auch die Technik ist doch eine Entwicklung der Natur unserer Evolution.
Thomas Bernhard prangert ja die Möglichkeit der Verdummung durch diese Technik an die so unheimlich rafiniert ausgetüftelt wurde. Meiner Meinung nach sollte jeder diese Selbstbestimmung erlangen wie er mit dieser Technik umgeht und sie auch gegebenenfalls ablehnen.
Das große künstlerische Werk, das mich aktuell am meisten beindruckt kommt völlig ohne künstliche Materialien aus, es sind die Arbeiten von Andy Goldsworthy. Gerade in unserer heutigen technisierten Zeit ist das einfach genial.
Ach Arne, Dein Zitat aus dem Roman von T. Bernhard hat mich dazu verleitet in die Bücherei zu gehen und mir etwas von und über Bernhard auszuleien. Seine Ansichten sind eine gute Möglichkeit für mich mit den Alltagsdingen fertig zu werden.

gruß fluuu


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Arne
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169 Forenbeiträge
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Das ist Arne

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8 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 10.11.2004 um 22:14 Uhr

Zitat:

Meiner Meinung nach sollte jeder diese Selbstbestimmung erlangen wie er mit dieser Technik umgeht und sie auch gegebenenfalls ablehnen.

Das setzt eine Reflektion über die Techniken voraus. Wenn sie es einmal überdenken würden, wieviele Menschen könnten wohl zu dem Schluss kommen, dass ein Leben ohne Berieselungsmaschinen wie z.B. Fernsehapparate einen persönlichen Gewinn bedeuten kann? Aber da es üblich geworden ist, mindestens einen Fernsehapparat in seiner Wohnung zu haben, denkt so gut wie niemand überhaupt darüber nach, ob er tatsächlich notwendig ist.

Es ist sinnvoll, gerade auch Selbstverständlichkeiten immer wieder zu prüfen. Wir sollten uns stets bewusst werden, warum wir was tun. Wir leben nicht in einer statischen Welt, in der Gesetze von gestern morgen noch unbedingt ihre Gültigkeit haben, obwohl es sicher auch ein mehr oder weniger unumstößliches Fundament gibt, ohne das ein menschliches Zusammenleben noch unerträglicher wäre.

Für und gegen welche mediale Techniken sich letztendlich jemand entscheidet, ist natürlich eine durchaus persönliche Sache, so lange es das Allgemeinwohl nicht schadhaft tangiert. Man kann sicherlich niemandem verbieten, primitive Gewalt- und Effektfilme wie Matrix 2 zu konsumieren, aber es ist wichtig, dazu beizutragen, dass es annehmbare Alternativen gibt.

Um noch einmal auf die Person Thomas Bernhards sprechen zu kommen: Er ist einer der letzten Lichtblicke, den die deutschsprachige Literatur hatte. Für seine schonungslose Offenheit und Kritik wurde er von vielen abgrundtief gehasst und verfolgt. Seine Gedanken sind es wert, weitergetragen und -entwickelt zu werden.

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Galerie Seeger
Mitglied

199 Forenbeiträge
seit dem 03.10.2004

Das ist Galerie Seeger

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9 Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 12.11.2004 um 00:37 Uhr

Diese Nachricht wurde von Galerie Seeger um 10:22:12 am 12.11.2004 editiert

Was ist schon Verzerrung?
Ist es denn nicht auch die Wahrnehmung an sich, unsere eingeschränkte Sichtweise ist doch gerade der Auslöser das wir alles was aus dem Rahmen der Normalität fällt, fixieren müssen.
Die bewegten Bilder vermitteln uns eine Wirklichkeit, die wir ohne den sicheren Platz verlassen zu müssen erleben können. Leider hat jedes Positiv auch ein Negativ und das ist nun einmal die Übertreibung.
Somit entsteht der Suchtfaktor, den ich nicht in der Fotografie sehe, vielmehr denke ich, das ein Foto den Betrachter an den Platz des Geschehens zurückholen kann, wo im vielleicht der Anstoß gegeben wird wieder einmal die Augen zu öffnen und das Leben zu sehen.
(Diese Bilder laufen nicht an im vorbei)
Sicherlich werden wohl die meisten Süchtigen, auf der Strecke bleiben, doch es ist ja noch nicht zu spät, es gibt Hoffnung!
Solange es Menschen gibt, die meinen lieber zu schreiben und dann noch auf eine Antwort zu warten, gibt es bestimmt auch einen der den Stecker rauszieht.
Unser Überleben ist gesichert, wenn auch am Ende eine menge Hirnlose weggeräumt werden müssen.

Gruß PS


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