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Kunstforum: Über die Fotografie


Aktuelle Zeit: 21.04.2026 - 11:20:01
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Forum > Fotografie > Über die Fotografie
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Autor
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Thema: Über die Fotografie
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Arne
Mitglied
  169 Forenbeiträge seit dem 13.11.2002

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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 06.11.2004 um 19:02 Uhr |
"Mit der Erfindung der Fotografie, also mit dem
Einsetzen dieses Verdummungsprozesses vor weit über hundert
Jahren, geht es mit dem Geisteszustand der Weltbevölkerung
fortwährend bergab. Die fotografischen Bilder, habe ich zu
Gambetti gesagt, haben diesen weltweiten Verdummungsprozess
in Gang gebracht und er hat diese tatsächlich für die
Menschheit tödliche Geschwindigkeit in dem Augenblick
erreicht, in welchem diese fotografischen Bilder beweglich
geworden sind. Stumpfsinnig betrachtet die Menschheit heute
und seit Jahrzehnten nichts anderes mehr, als diese
tödlichen fotografischen Bilder und ist wie gelähmt davon.
[...] es wird gut sein, wenn wir uns noch gerade bevor
dieser Verdummungsprozess der Welt total eingetreten ist,
umbringen."
Thomas Bernhard in "Auslöschung"
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suppenklar
Mitglied
 3 Forenbeiträge seit dem 12.06.2004

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| 1 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 06.11.2004 um 21:20 Uhr |
ziemlich provokante aussage !
ich denke, sie beinhaltet schon wahrheiten, die aber auch
gegenpositionen zulassen muss. die fotografie in ihren
"schnell gemachten" bilder ist auch die chance,
dem betrachter einen augenblick näher zu bringen, der sonst
unwiderruflich verloren wäre. man kann durch die augen eines
anderen sehen - wann kann man das schon ? wie sieht mein
gegenüber die welt ? was berührt und beschäftigt ihn ? die
fotografie gibt uns die mittel dazu - klarer, als es die
malerei zum beispiel sonst könnte...
daniela
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Arne
Mitglied
  169 Forenbeiträge seit dem 13.11.2002

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| 2 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 06.11.2004 um 23:14 Uhr |
Natürlich ist die Aussage eine ziemliche Provokation - ich
liebe Provokationen, wenn dahinter, wie in diesem Fall,
genug Geist steckt. Thomas Bernhard geht auf das
Fotografieren in seinem Buch Auslöschung noch wesentlich
genauer ein, vor allem bemängelt er an ihr die Verzerrung
der Wirklichkeit, weil sie immer nur einen winzigen
Augenblick aus ihr herausreisst - gerade, wenn es um
Personenfotos geht.
Aussagen, wie die von mir zitierte, werden der Fotografie
keinen Todesstoss geben, das liegt auch nicht in ihrer
Absicht, aber sie werden einen dazu veranlassen, über die
Fotografie zu reflektieren. Besonders beachtlich finde ich
eigentlich die Bemerkung über die Lähmung der Menschen, die
von Fotografien und Bewegtbildern ausgeht. Wahrscheinlich
wird sich die Menschheit nicht mehr davon befreien können,
obwohl diese Lähmung vollkommen überflüssig ist und die
Menschen tatsächlich an einem geistigen Vorwährtskommen
hindert.
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Fluuu
Mitglied
    725 Forenbeiträge seit dem 18.10.2003

Geschlecht:
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| 3 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 08.11.2004 um 18:45 Uhr |
Hallo,
das ist ein tolles Thema, erstens weil ich selber
leidenschaftlich gern fotografiere (Du ja auch Arne, deshalb
ist Dir wohl dieses Zitat aufgefallen) und zweitens weil es
von Thomas Bernhard ist, ein von mir geschätzter großer
Theatermacher und Literat der Gegenwart in Österreich.
Diese Form des knallharten aufs Korn nehmens einer Sache, in
diesem Fall die Fotografie im weitesten Sinne, ist für
meinen Geschmack die echte Realität. Unter bewegte Bilder
verstehe ich ja auch das Fernsehen und das kann ja wirklich
den Geisteszustand enorm beeinflußen. So betrachtet muß man
logischer Weise den Entstehungsmoment der Fotografie
verfluchen aber das hindert mich in keinste Weise daran, das
Fotografieren mit Leidenschaft und Hingabe zu einer
bestimmten Aussage hin, zu betreiben. Sicher hat durch die
Erfindung der Fotografie eine Form der Verdummung der
Menschheit eingesetzt aber was verdummt nicht wenn man es
falsch verwendet?
"...es wird gut sein, wenn wir uns noch gerade bevor
dieser Verdummungsprozess der Welt total eingetreten ist,
umbringen."
Ist es nicht ein herrlicher Satz, ich verstehe ihn ironisch.
Die größte Dummheit, die ein Mensch begehen könnte, ist doch
die, sich selber umzubringen, sich selbst des Lebens zu
berauben, das kostbarste Gut der Natur.
Was sind dagegen ein paar Fotos und bewegte Bilder, sie
bewirken den Verdummungsproßes, welch kleinlicher Vorgang
gegenüber der Natur und welch große Tragödie unserer Zeit.
So in etwa verstehe ich Thomas Bernhards Aussage.
gruß fluuu
http://www.fluuu-bilder.de | künstlerische Fotografie
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Arne
Mitglied
  169 Forenbeiträge seit dem 13.11.2002

Geschlecht:
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| 4 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 08.11.2004 um 21:08 Uhr |
Die Werke von Thomas Bernhard sind für mich noch eine recht
junge Entdeckung - zu viel von ihm kann ich nicht auf einmal
lesen, weil die Gedanken, die seine Werke hervorrufen,
länger brauchen, um verarbeitet zu werden und das
Leserlebnis an sich ein sehr heftiges ist.
Wenn man es relativiert betrachtet, dann starren wir heute
in unsere Fernseher und Monitore, wie man früher vielleicht
in das Feuer und die Sterne gestarrt hat. Vom Prinzip her
ist das keine wirkliche Veränderung, wenn es nicht doch für
den Menschen eine immer größer werdende Entfernung von der
Natur bedeuten würde.
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suppenklar
Mitglied
 3 Forenbeiträge seit dem 12.06.2004

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| 5 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 08.11.2004 um 23:50 Uhr |
ich denke, dass gerade auch die fotografie in einer zeit der
schnellebigkeit uns die möglichkeit gestattet, genauer
hinzusehen, auf kleine details und augenblicke aufmerksam zu
machen ! vielleicht ist die provokation thomas bernards für
uns ein ansporn, die welt für einen moment anzuhalten, tief
luft zu holen und dinge auf uns, in ihrer form und stille,
einzuatmen und für einen moment festzuhalten. viel zu
schnell rast das leben an uns vorbei !
daniela
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Arne
Mitglied
  169 Forenbeiträge seit dem 13.11.2002

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| 6 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 09.11.2004 um 00:35 Uhr |
Zitat:
ich denke, dass gerade auch die fotografie in einer zeit der
schnellebigkeit uns die möglichkeit gestattet, genauer
hinzusehen, auf kleine details und augenblicke aufmerksam zu
machen !
Ja, aber wir schauen dabei ja nicht auf die Wirklichkeit,
sondern nur eine Verzerrung von ihr. Und das ist hier wohl
die allgemeine Tendenz, die Bernhard anprangern möchte (wenn
man jetzt einmal unterschlägt, dass das Zitat ja nur von
einer Figur aus seinem Roman stammt) :
Wir stürzen uns immer tiefer in die Künstlichkeit (ist dafür
nicht ein Forum wie dieses eines der besten Beispiele?),
weil wir ja gar nicht ertragen, das Leben so zu sehen, wie
es ist; wir ergötzen uns lieber an unseren Verfremdungen der
Natur, wir flüchten die Wirklichkeit. Wer hat sie nicht,
seine Illusionen, seine kleinen und großen Lebenslügen, die
sich, bei Licht besehen, in nichts auflösen, aber trotzdem
glauben wir daran, weil wir gelernt haben, dass wir mit
unserem Selbstbetrug auch noch am besten fahren. Das ist die
Absurdität des menschlichen Wesens. Und wer dagegen
aufbegehrt, vielleicht gar als einer der zahllosen moralisch
durchtränkten Heilsverkünder, der hat noch nicht gemerkt,
dass er selbst um nichts besser ist als diese, gegen die er
vorgehen möchte. Wir alle sind Gefangene unserer Existenz -
befreit werden wir erst durch den Tod.
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Fluuu
Mitglied
    725 Forenbeiträge seit dem 18.10.2003

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| 7 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 10.11.2004 um 16:17 Uhr |
Künstlichkeit und Natur,
besteht unsere heutige Natur nicht auch aus Neonlicht,
Mikrochips, aus Bits und Bytes usw. Auch die Technik ist
doch eine Entwicklung der Natur unserer Evolution.
Thomas Bernhard prangert ja die Möglichkeit der Verdummung
durch diese Technik an die so unheimlich rafiniert
ausgetüftelt wurde. Meiner Meinung nach sollte jeder diese
Selbstbestimmung erlangen wie er mit dieser Technik umgeht
und sie auch gegebenenfalls ablehnen.
Das große künstlerische Werk, das mich aktuell am meisten
beindruckt kommt völlig ohne künstliche Materialien aus, es
sind die Arbeiten von Andy Goldsworthy. Gerade in unserer
heutigen technisierten Zeit ist das einfach genial.
Ach Arne, Dein Zitat aus dem Roman von T. Bernhard hat mich
dazu verleitet in die Bücherei zu gehen und mir etwas von
und über Bernhard auszuleien. Seine Ansichten sind eine gute
Möglichkeit für mich mit den Alltagsdingen fertig zu werden.
gruß fluuu
http://www.fluuu-bilder.de | künstlerische Fotografie
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Arne
Mitglied
  169 Forenbeiträge seit dem 13.11.2002

Geschlecht:
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| 8 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 10.11.2004 um 22:14 Uhr |
Zitat:
Meiner Meinung nach sollte jeder diese Selbstbestimmung
erlangen wie er mit dieser Technik umgeht und sie auch
gegebenenfalls ablehnen.
Das setzt eine Reflektion über die Techniken voraus. Wenn
sie es einmal überdenken würden, wieviele Menschen könnten
wohl zu dem Schluss kommen, dass ein Leben ohne
Berieselungsmaschinen wie z.B. Fernsehapparate einen
persönlichen Gewinn bedeuten kann? Aber da es üblich
geworden ist, mindestens einen Fernsehapparat in seiner
Wohnung zu haben, denkt so gut wie niemand überhaupt darüber
nach, ob er tatsächlich notwendig ist.
Es ist sinnvoll, gerade auch Selbstverständlichkeiten immer
wieder zu prüfen. Wir sollten uns stets bewusst werden,
warum wir was tun. Wir leben nicht in einer statischen Welt,
in der Gesetze von gestern morgen noch unbedingt ihre
Gültigkeit haben, obwohl es sicher auch ein mehr oder
weniger unumstößliches Fundament gibt, ohne das ein
menschliches Zusammenleben noch unerträglicher wäre.
Für und gegen welche mediale Techniken sich letztendlich
jemand entscheidet, ist natürlich eine durchaus persönliche
Sache, so lange es das Allgemeinwohl nicht schadhaft
tangiert. Man kann sicherlich niemandem verbieten, primitive
Gewalt- und Effektfilme wie Matrix 2 zu konsumieren, aber es
ist wichtig, dazu beizutragen, dass es annehmbare
Alternativen gibt.
Um noch einmal auf die Person Thomas Bernhards sprechen zu
kommen: Er ist einer der letzten Lichtblicke, den die
deutschsprachige Literatur hatte. Für seine schonungslose
Offenheit und Kritik wurde er von vielen abgrundtief gehasst
und verfolgt. Seine Gedanken sind es wert, weitergetragen
und -entwickelt zu werden.
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Galerie Seeger
Mitglied
  199 Forenbeiträge seit dem 03.10.2004

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| 9 Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 12.11.2004 um 00:37 Uhr |
Diese Nachricht wurde von Galerie Seeger um 10:22:12 am
12.11.2004 editiert
Was ist schon Verzerrung?
Ist es denn nicht auch die Wahrnehmung an sich, unsere
eingeschränkte Sichtweise ist doch gerade der Auslöser das
wir alles was aus dem Rahmen der Normalität fällt, fixieren
müssen.
Die bewegten Bilder vermitteln uns eine Wirklichkeit, die
wir ohne den sicheren Platz verlassen zu müssen erleben
können. Leider hat jedes Positiv auch ein Negativ und das
ist nun einmal die Übertreibung.
Somit entsteht der Suchtfaktor, den ich nicht in der
Fotografie sehe, vielmehr denke ich, das ein Foto den
Betrachter an den Platz des Geschehens zurückholen kann, wo
im vielleicht der Anstoß gegeben wird wieder einmal die
Augen zu öffnen und das Leben zu sehen.
(Diese Bilder laufen nicht an im vorbei)
Sicherlich werden wohl die meisten Süchtigen, auf der
Strecke bleiben, doch es ist ja noch nicht zu spät, es gibt
Hoffnung!
Solange es Menschen gibt, die meinen lieber zu schreiben und
dann noch auf eine Antwort zu warten, gibt es bestimmt auch
einen der den Stecker rauszieht.
Unser Überleben ist gesichert, wenn auch am Ende eine menge
Hirnlose weggeräumt werden müssen.
Gruß PS
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