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Zur Kritik am Orientalismus in der Malerei


Till DehrmannEine kritische Auseinandersetzung mit Said’s Thesen zum Orientalismus in der bildenden Kunst und ihre Auswirkungen auf die Bewertung der orientalistischen Malerei
(v. Till Dehrmann; Nov. 2012)

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In der bildenden Kunst versteht man unter „Orientalismus“ eine künstlerische Ausdrucksform orientalischer Szenen, insbesondere aus dem nordafrikanischen Raum und dem Mittleren Osten. Der „Orientalismus“ ist weder eine Schule noch eine Stilrichtung der Malerei, sondern eher als Gattung zu verstehen, wie etwa die Marine- oder Landschaftsmalerei.

In der Vergangenheit hat es zum Thema „Orientalismus“ einen lebhaften Meinungsaustausch unter Kunstkritikern gegeben, den man bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Auch heute noch wird das Thema gerne von den Medien aufgegriffen, wenn es um die Aufarbeitung von Kunst, Orient und Kolonialismus geht. Jüngstes Beispiel sind die zahlreichen kritischen Kommentare zur Ausstellung „Orientalismus in Europa“ von Delacroix bis Kandinsky, die in München 2011 zu sehen war. Ihren Höhepunkt fand die kontroverse Diskussion mit der Kritik Edward Said’s am „Orientalismus“ Ende der 70er. In seinen Analysen versuchte er nachzuweisen, dass die westliche Welt ein von Dominanz, Macht und Herrschaftsansprüchen geprägtes Bild über die arabische Welt vermittelt. Mit dieser Vorstellung eines Überlegenheitsgefühls des Okzidents gegenüber dem Orient wird die Kritik auch heute noch auf die ehemaligen kolonialen Machteinflüsse zurückgeführt. Said definierte seinen „Orientalismus“ mit einer die abendländische Zivilisation verkörpernden, spezifischen westeuropäischen Art des Denkens. Alles was nicht dazugehörte, ordnete er dem „Orient“ zu. Damit schaffte er eine zum Kern seiner Kritik am „Orientalismus“ gehörende westeuropäische Sichtweise, der er Arroganz und Herabsetzung vorwarf.

Historisch betrachtet ist „Orientalismus“ allerdings ein sehr viel umfassenderer Begriff als Said ihn festlegte. Völlig wertneutral bezieht sich der Begriff auf Strömungen zum Orient, die literarische Werke, orientalistische Malerei, oder architektonische Kunst beinhalten. Manche sprechen von einem Wissensgebiet oder einer akademischen Disziplin, andere wiederum von einer kulturellen Strömung des Okzidents oder einfach nur von einer Bewegung. In der journalistischen Berichterstattung wird der Begriff „Orientalismus“ heute auch zunehmend in Verbindung mit „Islamistischen Bewegungen“ zitiert.

Nicht nur Vertreter von Said’s Thesen sondern auch die Medien machen sich diese breit gefächerte Begriffsdefinition bei ihrer kritischen Auseinandersetzung zunutze, um auf das Überlegenheitsgefühl des Okzidents gegenüber dem Orient anhand von Beispielen aus Politik, Literatur und bildender Kunst hinzuweisen. Diese Aufarbeitung des Kolonialismus ging an der orientalistischen Malerei des 19. Jahrhunderts nicht spurlos vorüber, da einige Gemälde aus der damaligen Zeit Themen wie Feldzüge, Sklavenmärkte, Harems- und Hamamszenen, Sultanspaläste oder realitätsfremde Visionen eines imaginären Orients abbildeten. Das reichte bereits aus, um eine ganze Gattung der Malerei, die schon in der vorkolonialen Zeit ihren Platz in der Geschichte der Bildenden Künste eingenommen hatte, die ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert fand und die sich bis heute in die zeitgenössische Malerei weiterentwickelte, zu verunglimpfen und mit einem faden Beigeschmack durch einige Kunstkritiker zu versehen. Es wird von Kitsch und einem Orient berichtet, den es nie gegeben haben soll.

Solche postkolonialen Wertungen verlieren aber schnell an Bedeutung, wenn man sie nicht aus der oberflächlichen Sicht des heutigen Kunstgeschmacks betrachtet, sondern vielmehr der damaligen Zeit Rechnung trägt, in der sie entstanden sind. Die meisten der Kritik ausgesetzten Gemälde sind zur Zeit der Pariser Weltausstellung 1889 entstanden. Es war das koloniale Zeitalter. Die Bilder geben das damalige zeitgenössische Geschehen wieder. Die Maler haben, wie heute auch, die Dinge aus ihrer künstlerischen Sicht interpretiert und dargestellt. Einige haben realistische Szenen des Orients gemalt. Andere wiederum nutzten ihre künstlerische Freiheit, um dem Orient ein mystisch-surreales Bild zu verleihen. Vielleicht lassen sich darin die ersten Ansätze zur heutigen surrealistischen Malerei erkennen? Manche Künstler haben Reisen in den Orient unternommen, waren fasziniert von den dortigen Lichtverhältnissen und haben ihre Eindrücke im Gemälde festgehalten. Andere haben Orientbilder gemalt, ohne jemals im Orient gewesen zu sein, was sich bei genauer Analyse des einen oder anderen Werkes erkennen lässt. Wenn man sich in die damalige Zeit zurückversetzt, ist es geradezu normal in einigen Gemälden koloniale Züge wiederzufinden. Viele Gemälde waren auch Auftragsarbeiten, die einfach dem Geschmack der damaligen Kundennachfragen entsprachen. Kunstkritiker der orientalistischen Malerei ziehen häufig solche Darstellungen als Bestätigung von Said’s Thesen heran, aus denen sie dann meist polemisierte Schlussfolgerungen wie das Überlegenheitsgefühl des Okzidents gegenüber dem Orient ableiten. Dabei wird völlig übersehen, dass diese Gemälde nur einen Bruchteil der orientalistischen Malerei ausmachen und die Rechtfertigung der geübten Kritik an der Gattung allgemein in Frage gestellt werden muss.

Die Anzahl der in den letzten Jahrzehnten mit der Etablierung des Internet zusammengetragenen Gemälde aus Galerien, Museen, Auktionshäusern, Kunstsammlungen und der Literatur, die der orientalistischen Malerei zuzuordnen sind und die keine kolonialen Szenen darstellen, ist überwältigend. Von einer Überlegenheit des Okzidents gegenüber dem Orient ist in diesen Werken nichts zu erkennen. Ein großer Teil davon stammt von Künstlern aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Sie sind vielleicht weniger der Öffentlichkeit, umso mehr aber den Kennern der orientalistischen Malerei bekannt. Einige dieser Maler haben viele Jahre im Orient gelebt, wie z.B. Eugène Girardet in Marokko und Tunesien. Andere hatten sich dort ganz niedergelassen, wie z.B. Etienne Dinet in Algerien oder Gustav Bauernfeind in Palästina. Sie hatten Europa den Rücken gekehrt, weil sie sich von der orientalischen Kultur und Zivilisation angezogen fühlten. Diese andere Welt haben sie in beeindruckenden Gemälden realitätsnah festgehalten, ohne ihnen auch nur den geringsten kolonialen Touch zu verleihen. Es ist diese andere Welt, die meist zu Unrecht in den Sog der Kritik, die nur auf eine verschwindend kleine Anzahl von Gemälden zutrifft, mit hineingezogen wird. Es wird dabei der weitaus größere Teil der orientalistischen Malerei ignoriert, der uns einen tiefen Einblick in die orientalische Kultur, in ihre Werte und Besonderheiten gibt. Als Said seine Thesen aufstellte, hatten die meisten Länder Nordafrikas und des mittleren Osten etwa 20 Jahre Unabhängigkeit hinter sich. Es zeichnete sich damals schon ab, dass die Entwicklung im Orient ihren eigenen Weg eingeschlagen hat und sich gesellschaftlich von Europa durch die Islamisierung immer mehr distanziert. Die aus den Kolonien in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten Nordafrikas und des mittleren Ostens hatten kaum eine Chance, sich zeitgemäß kulturell und gesellschaftlich zu entfalten, da sie von Despoten jahrzehntelang diktatorisch in einem Umfeld von Seilschaften und Korruption geführt wurden. Die koloniale Vergangenheitsbewältigung bereitet vielen Staaten noch heute enorme Probleme, was man an der systematischen Entfernung der Kulturgüter aus jener Zeit beobachten kann. Eine Identifizierung mit der kolonialen Vergangenheit als Bestandteil ihrer eigenen Geschichte ist bis heute keinem der Maghrebländer wirklich gelungen. Der arabische Frühling und die Abrechnung mit den Machthabern ist ein erneuter, kultureller und gesellschaftlicher Befreiungsversuch der orientalischen Welt, der jedoch durch den Einfluss islamistischer Strömungen massiv gestört wird. All diese Entwicklungen sind von den politisch unabhängigen Staaten „hausgemacht“ und haben mit dem von Said kreierten europäischen Überlegenheitsgefühl nichts mehr zu tun. Es sind Stationen, die der Orient im Zuge seiner zeitgeschichtlichen Entwicklung durchläuft und für deren Richtung er selbst verantwortlich ist.

Selbst wenn es all diese Probleme in den arabischen Ländern nicht gäbe, wäre es fraglich, ob sich Okzident und Orient jemals näher kommen würden. Die von Said postulierte Unterscheidung zwischen den beiden Kulturen, die es nach seinen Vorstellungen aufzuheben gilt, bleibt eine Utopie. Es sind zwei Kulturen mit verschiedenen Zivilisationen, die von niemandem objektiv gegeneinander bewertet werden können, nicht zuletzt auch wegen der unterschiedlichen Religionen. Saids Kritik am Orientalismus ist daher eher ein subjektives Meinungsbild, das von Zeit zu Zeit in die politische Landschaft passt, aber für eine Bewertung in der bildenden Kunst ungeeignet ist. Kunstkritik wird dadurch nur polemisiert und verzerrt. Kunstkritik sollte frei von politischen Einfußfaktoren oder modischen Trends sein und sich allein an künstlerischen Maßstäben, in diesem Fall der Malerei und der Freiheit der Künstler, orientieren. Durch die Einbeziehung der orientalistischen Malerei in die generelle Kritik am Orientalismus, wird eine ganze Gattung der Malerei abgewertet, die uns eigentlich die Werte des Orients, seine Kultur, seine Religion und das für uns faszinierende Fremde an dieser Zivilisation näher bringen sollte. Die Vermengung von Said’s Thesen mit der Kritik an der orientalistischen Malerei verstärkt somit genau das, was er eigentlich aufzuheben versuchte.

Die orientalistische Malerei hat sich seit dem 19. Jahrhundert weiterentwickelt. Sie hat in der heutigen Kunstszene vielleicht nicht mehr den Stellenwert wie damals; sie ist aber nach wie vor präsent. Für viele zeitgenössische Künstler ist der Orient mit seinen besonderen Lichtverhältnissen, seinen Landschaften, seiner Architektur, seinen Menschen, seinen kulturellen Besonderheiten und Bräuchen eine unerschöpfliche Quelle der Kreativität. Mit ihren Werken und Darstellungen des heutigen Orients leisten sie einen bedeutenden Beitrag zur Völkerverständigung, da sie uns eine fremde Kultur näher bringen, die hierzulande noch immer von zu vielen missverstanden wird.

Till Dehrmann; Nov. 2012

http://www.orientalist-art.de


Dieser Artikel wurde von Till Dehrmann an folgendem Datum: 2022-03-06 22:20:07 eingestellt.


Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von xarto.com übereinstimmen.


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