Zitat:
[...] es mag was Gutes und Rechtes geschehen, als That, als
Dichtung, als Musik: sofort sieht der ausgehöhlte
Bildungsmensch über das Werk hinweg und fragt nach der
Historie des Autors. Hat dieser schon Mehreres geschaffen,
sofort muss er sich den bisherigen und den muthmaasslichen
weiteren Gang seiner Entwickelung deuten lassen, sofort wird
er neben Andere zur Vergleichung gestellt, auf die Wahl
seines Stoffes, auf seine Behandlung hin secirt,
auseinandergerissen, weislich neu zusammengefügt und im
Ganzen vermahnt und zurechtgewiesen. Es mag das
Erstaunlichste geschehen, immer ist die Schaar der
historisch Neutralen auf dem Platze, bereit den Autor schon
aus weiter Ferne zu überschauen. Augenblicklich erschallt
das Echo: aber immer als "Kritik", während kurz
vorher der Kritiker von der Möglichkeit des Geschehenden
sich nichts träumen liess. Nirgends kommt es zu einer
Wirkung, sondern immer nur wieder zu einer
"Kritik"; und die Kritik selbst macht wieder keine
Wirkung, sondern erfährt nur wieder Kritik. Dabei ist man
übereingekommen, viel Kritiken als Wirkung, wenige als
Misserfolg zu betrachten. Im Grunde aber bleibt, selbst bei
sothaner "Wirkung", alles beim Alten: man schwätzt
zwar eine Zeit lang etwas Neues, dann aber wieder etwas
Neues und thut inzwischen das, was man immer gethan hat. Die
historische Bildung unserer Kritiker erlaubt gar nicht mehr,
dass es zu einer Wirkung im eigentlichen Verstande, nämlich
zu einer Wirkung auf Leben und Handeln komme: auf die
schwärzeste Schrift drücken sie sogleich ihr Löschpapier,
auf die anmuthigste Zeichnung schmieren sie ihre dicken
Pinselstriche, die als Correcturen angesehn werden sollen:
da war´s wieder einmal vorbei.
Aus: F. Nietzsche - Unzeitgemäße Betrachtungen